1. Ich denke also bin ich ein Schmetterling

    „Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“

     

    Öffne ich des Morgens meine Augen war ich noch ein Träumender, flatterte ich schmetterlingsgleich in höchsten Höhen. Auf dem Weg ins Bad bin ich dann ganz Schnecke, krieche behäbig unter’s Wasser, schüttle mich und verlasse frisch geweckt die Wohnung. Auf meine Runden um die Sihl wandle ich mich zur Katze, hüpfe über Steine und Pfützen, lasse Industriegebiete hinter mir und tolle über Wiesen, bevor mich der Weg wieder zurück in die Stadt führt. Die Kopfhörer tief in mir verankert lasse ich mich beinah vom pendlervollen Linienbus überrollen und erstarre kurzzeitig zur Salzsäule. Zwei Ristretto und ein hartgekochtes Ei. Wochenzeitung. Morgengeräusche. Für einen Moment trete ich aus meinem Schatten, stehe neben einem Tagträumer, trete mir in meinen Schmetterlingsarsch: Weiter!

     

    Hoch auf den Elfenbeinturm aus Papier und Tinte. Bin ich Prinz? Bin ich Bergsteiger? Erklimme überfüllte Hörsaalhöhen, blicke von meinem Klappthron in die Massen, doch sie wenden mir alle den Rücken zu. Lediglich unzählige Bildschirme beleuchten meine Großartigkeit. Blenden mich. Sonnenbrille. Der Abstieg gelingt problemlos, die Kaffeemaschine empfängt mich wärmstens. Lautlos und unsichtbar schleiche ich, Wolf, mich aus den Einöden der Wissenschaft in den Dschungel aus Stahl und Glas und Teer.

     

    Die Tausendfüßler der Moderne von Gestern tragen mich und tausend ganz andere, ganz ähnliche vorbei am Schlaraffenland der Mittelmäßigkeit hin zum Königreich der Anspruchslosigkeit. Im vierten Kreis der Hölle kriecht und flicht es vor der Sonne, sucht die Ecken, die Ritzen und verschwindet in der Dunkelheit. Klebt an meinen Sohlen, in meinen Ohren. Zigarettenspenden, emotionsloses Kopfschütteln, Krückenausweichen & krampfhafte Versuche, die Furchtbarkeiten des Lebens nicht eindringen zu lassen. Ich möchte noch unversehrt bleiben. Weißes Papier. Unzerbrochenes Porzellan im Revier der dreibeinigen, zahnlosen Elefanten. Weißer Wein und drahtloser Zugang zu virtuellen Reichtümern vermögen zuletzt mich zu heilen, der Barista leckt meine Wunden. ich bin stolz auf mich. Eitel und zweischneidig hab ich mich einen weiteren Tag um Abgründe geschlängelt, bin ich leicht wie ein Vogel von Ast zu Ast zu Hippstercafé gehüpft. Hab mich ein weiteres Mal in die sicheren Reservate geschützten Lebensraums gerettet.

     

    Ich strecke meine Zunge  aus, lecke die letzten Reste musikalischer Qualität aus den Weiten des Netzes, sichere es auf meiner Festplatte. Alles nur gestohlen. Alles nur geraubt. Lege Kuckuckseier während ich lächelnd meine Erfolge beweihräuchere, mir auf die Schultern klopfen lasse  und dem Waldschrat gegenüber versichere wie toll seine Matte sich mit seinem Brusthaar verbinde. Drei Häuser weiter wird wieder alles anders. Eben noch potentieller Welteneroberer, schiebe ich nun Altglaskisten vorbei an Bordellen und Secondhandyshops. Verstopfte Bierleitungen und geplatzte Glühbirnen locken den Machismo in mir. Das Lächeln der Kundschaft versichert mir meiner Überlegenheit, die vierzig Rappen Trinkgeld eher weniger.  Diener und Schatzmeister in einem, Henker und Knecht. So vergeht die Nacht.

     

    Die Bühne muss ich selber installieren. Dafür darf ich dahinter stehen. Vernetzt mit hunderten Gleichgesinnten, vermeintlich. Aus den Boxen das Konzentrat meiner klingenden Seele. Wie? Nein, Guetta gibt’s nicht. Spätnachts sind alle Menschen grau. Bin ich Mücke? Bin ich Adler? Unter meinen Schwingen verteilen sich die Klänge im Raum. Doch sie verpuffen. Nun gut, ich höre. Ich genieß. Mir reicht’s.

     

    Ein Mops kommt in die Küche und reicht mir einen Döner. Der Regen veredelt ihn. Ganz Straße, ganz Luft, ganz Regenwolke bin ich eins. Zumindest die ersten zehn Minuten, die ich auf die Straßenbahn warte. Eisige Gedanken und erstarrte Mine erwarten mich schließlich im Spiegel meines Flurs. Wer ist das?

     

    Tee und Speck richten alles. Auf dem Bildschirm erscheint eine Nachricht. Man erbittet Worte, es sei dringend. Das Textverarbeitungsprogramm reagiert prompt und stürzt ab. Ich blicke ihm ohne Wehmut hinterher. Doch der Obsthändler hat vorgesorgt, mein luftiges Äpfelchen erholt sich im nu und bietet mir seitenweisse Leere.

     

    Mein müde suchender Blick fällt auf die Worte der Ferne. Ferner Welten, ferner Zeiten. Bin ich Schmetterling, bin ich Mensch? In mir wird es leicht, löst sich, wandelt sich.

     

    Dschuang Dschou, ich kenne dich.

    Dschouang Dschou, lass uns gemeinsam fliegen, träumen.

     

    Der nächste Morgen kommt früh genug.
    Und wir verwandeln uns wieder.

     

     


  2. gesegneter rasen, den du mir nimmst heute

    vor dem fenster fallen die tropfen. einer nach dem andern. alle gleichzeitig. sammeln sich auf meinem fensterbrett und stürzen sich gleich massenhaft in mein zimmer. ein sprung unter die decke, wo die glut noch glüht und die wut lauert. die hitze will mich auffressen, mit gefletschten zähnen will ich mich den über mich zusammenstürzenden wassermassen entgegenstellen. mich an ihrem stöhnenden dampf laben. ihr seufzen soll mein rasen segnen. 

    ich reisse die bettdecke von meinem schwielenden körper doch sie lauern da nur. sorgsam im kreise, lächeln sie mich friedlich an. kommen mir entgegen. einer nach dem andern. tropfen für tropfen. verschwinden sobald sie in den glutkreis meines zorn geraten. schier ohne gegenwehr. doch tropfen für tropfen, zischenden verlöschens, erreicht mich eine ahnung der linderung. 

    ewigkeiten vergehen in unserem kampf. sonnenheisses rasen gegen ruhend, sanft sich über mich senkend kühles klares wasser. 

    ewigkeiten drehen mich im kreise. zeigen mich mir. meine fratze lächerlich verzerrt in verkrampfter anspannung. 

    auf dem fensterbrett versammelt sich derweil die unendlichkeit himmlisch-kühlenden wassers. ohne zögern, ohne reue, ohne zweifel und ohne urteil nehmen sich mich in sich auf. lindern meinen schmerz, gesunden meinen verletzten körper. 

    tropfen für tropfen. augenblick für augenblick. ich zu ihr. mit ihr. sie mit mir. 

     


  3. Hemmnisse

    In mir erwacht etwas. Ich kenne es nur allzu gut. Besser sie. Die Bestie. Sie, dich mich nicht schlafen lässt, nicht zur Ruhe kommen. Sie, die in den Lücken ihrer Gelegenheit harrt, sie nur allzu oft findet. 

    Ich erinnere mich an eine Zeit, in der ich allein war. Bestienfrei. Lebte, atmete, schlief und die Strassen durchlief als wäre hinter all diesen Fassaden nur Pressspan und keine zweite, keine dritte, keine vierte Ebene. Ebenen, die mich aufsaugen, mich verschlucken und aller Energie absorbierte Reste vor sich auf die Strasse spucken. 

    Mit jedem Blick springt sie mich an, jeder Ahnung, jeder die Richtung wechselnden Wolke. Jede verborgene Sonne brennt sich in mir fest. 

    Stark bin ich. Souverän und Eigenständig. Eigenartig hin und wieder und stolz darauf. 

    Doch im Schatten lauert sie. Nix ist mehr eigenartig, niemand stolz, wenn sie an meinem Innersten nagt. 

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  4. …und dann kam das feuer

    ….in der mitte des satze beginnen, denn wer erinnert sich schon wie es begann?

    wie die melancholie einer leisen hoffnung wich. 

    wie die hemmnis zurückgedrängt und das feuer neuen zündstoff gewann.

    denn als es begann. ganz am anfang. als alles seinen anfang nahm. da war er eigentlich gar nicht dabei. seinen gedanken waren fern und sein herz eingeschlafen. seine bewegungen im besten falle rhythmisch, im schlimmsten und wahrscheinlichsten routiniert, eingespielt, ist ja doch immer nur das gleiche. sysiphus sah wenigstens den gipfel. doch den gab es nicht. nicht für ihn. keine entwicklung. nur bewegung. kreise sind eine wunderschöne erfindung. nicht lange nach dem feuer, dem ausbruch, kam der kreis. das rad. immer schön umdrehen. bis schwindlig und richtungslos. orientierung entsteht aus der perspektive, dem blick zum horizont. er hielt die luft an, erstickte die glut und wartete…

    als er zu sich kam bewegten sich ihre lippen schier unaufhaltsam, schier pausenlos, rastlos, atemlos. doch was ihnen entsprang war pure energie. wurde der ursprung. sprang ihn an, krallte sich fest, nahm seine augen in beschlag und liess sie nicht mehr wandern. rasende bewegung im stillstand. 

    rotwein. chinawoman. langstrasse & morgengrauen. in arabien blühen die osterglocken und erschlagen die aufbrechenden. 

    an der langstrasse blüht gar nix. lässt dem feuer freie bahn. 

    und es kam und es nahm ihn ein und ihre lippen und sie nahmen in ein, sie nahmen ihn auf in sich, verschlangen ihn, luden ihn ein zu bleiben. und das tat er auch. 

    ….

     

  5. B E L L A B E R L I N

     


  6. Weiss und neon
    Hart und weich
    Grade und queer
    Gross und klein
    Hell und dunkel
    recule ou avance?

     


  7. Would you marry me?

     


  8. schmus

    Im Sinne, dass mit jedem Buchstaben, jedem sich bildenden Wort, jeder einzelnen sich zusammenfügenden Satzfolge, die dahinter-, darüberliegende Bedeutsamkeit verloren geht, in der grellen Gegenständlichkeit des symbolischen Systems verblasst, die seiden gesponnenen und flüchtig das Licht meidenden Gedanken-, Fühlwelten mit brachialster Kraft zerrissen werden… in diesem Sinne verliert jede weitere Formulierung und das damit einhergehende, vielmehr gleichermassen vorausgehende wie hinterherstolpernde Antippen der Tasten dieses Rechners ihren/seinen Wert…

    Lass mich wertvoll sein, unformuliert, fühlend, lebend.

     


  9. Ich hatte mal ein Interview mit einer deutschen Journalistin - einer schrecklichen, hässlichen Frau. Es war kurz nach dem Mauerfall - vielleicht eine Woche danach - und sie hatte einen gelben Pullover an, der halb durchsichtig war. Sie hatte riesige Titten und einen riesigen BH und sie sagte mir: “Das ist unhöflich; nehmen Sie bitte die Brille ab.” Ich sagte: “Bitte ich Sie denn, Ihren BH auszuziehen?
    — Karl Lagerfeld
     


  10. eulerich & kolibrin

    nachts. nachts bin ich unterwegs. nachts lebe ich auf und nachts finde ich zu mir selbst. die sonne blendet nicht. die sonne erhellt nichts. erhellt nicht, wer ich bin, wer ich nicht bin. nachts erfinde ich mich selbst. 

     

    nachts bin ich unterwegs. nachts fliege ich. ich flattere mit meinen flügeln und erfreue mich daran, wenn andere im gleichschlag flattern. das gibt mir das gefühl nicht alleine zu wandern. und wandern tue ich. sitze selten still. 

     

    und wie ich flatter, flattert es an mich heran, entfernt sich und kommt doch wieder. bin ich eule, ist sie kolibri. ihr herzschlag, stakkato. ich bin die zeitlupe. sie überwälmt mich mit glück und verlorenheit. ich erkenne sie. und nicht. 

     

    wenn man sich wiederbegegnet erkenne ich die verwandlung. die verwandlung, die ich durchlaufe, die suche die mich fesselt, das glück, das mich sucht, dem ich nacheile, das ich nie erkenne und hinter jeder nächsten ecke leuchten seh. 

     

    doch der kolibri fliegt im kreis. unberührbar, weil auf eigenen bahnen. streift vorbeifliegende wesen, die vom wind ihrer flügel emporgehoben werden und sich am ziel glauben. doch ein kreis hat kein ziel. ein kolibri kein schicksal. nur den moment. 

     

    und während ich noch den moment suche, erkenne ich doch hinter der suche mich selbst. ungewollt. bestreitend. 

     

    doch den moment. dieser moment. in dem kann ich nicht bleiben.

    kolibri entfernt sich. dreht weiter unbelastet ihre runden und berührt andere belastetere auf ihrem weg. 

     

    auf meiner bahn zurückgelassen, blicke ich ihr nach. beobachte andere suchende, am ziel angelangt glaubende. ich belächle sie und zünde mir noch eine an. 

     

    die nacht ist vorüber und doch nicht. 

     

    bin ich eule. bin ich kolibri. 

     

    so oder so, ich ziehe meine runden, in entfernung zum rest des waldes, beobachte alles, stürze mich in alles. und nicht.

     

    die sonne geht auf. kriecht in jede ecke und frisst die romantik. 

     

    nachts. nachts bin ich unterwegs. nachts lebe ich auf und nachts finde ich zu mir selbst. die sonne blendet nicht. die sonne erhellt nichts. erhellt nicht, wer ich bin, wer ich nicht bin. nachts erfinde ich mir mich selbst. 

     

    doch gefunden, gefunden habe ich noch nichts…


     


  11. In time, all is lost
     

  12. vintagegal:

    Marilyn Monroe by Milton Greene 1950’s

     

  13.  

  14. N I N A . S I M O N E . F E E L I N G . G O O D

     


  15. Des Fleisches Lust

    Seit direkt vor meiner Haustür der erste von deutschem Gaumen abgesegnete Currywurst Anbieter seinen Grill anwarf wartete ich auf meine Gelegenheit. Mit Loch in der Magengegend, ungezügeltem Appetit und unerfüllbaren Erwartungen stiefelte ich ins Körry und bestellte mir ,ne Scharfe‘. Beziehungsweise wollte ich, denn Personal war Mangelware und kam erst nach einer gefühlten dreifachen Zigarrenpause hinter die Theke geschlurft, um mir dann nach allerlei rituellem Trala eine Wurst auf den Karton zu schmieren, die sich in Fett suhlte wie ,The Hoff‘ im Likör. Darm? Fehlanzeige. Angeblich ja die gleiche wie beim unübertrefflichen Curry36 am Mehringdamm, doch da lächelt das verwöhnte germanische Herz nur müde. Nach Pommes zu fragen traue ich mich dann auch schon gar nicht mehr und stapfe stattdessen mit tropfenden Fingern, ungeprüften Schmerzrezeptoren und noch immer vorhandener Sehnsucht nach fachgerecht zusammengepressten Fleischereiabfällen von dannen. Nur Häuser weiter finde ich mich beim bislang noch immer befriedigenden Türken wieder und hol mir ein ,mit Alles und scharf‘. Und weil ich Klasse hab in der modernen Dönerbox. Kartoffeln in Stäbchenform, matschiges Gemüse, schön geschnippeltes Rind drüber und dann, wohl weil mein Freund mit Immigrationshintergrund sich sorgt, dass ich mich am trockenen Inhalt verschlucke, mal noch kräftig Sauce drüber. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und schon bald läuft es mir auch sonst überall hin, denn an den flüssigkeitsabweisenden Eigenschaften von Karton wurde scheinbar schon lange nicht mehr geforscht. Viel weiter als bis zum Fleisch komm ich denn auch nicht; was sich danach noch in den Tiefen der Box verbirgt erinnert eher an das, was sich nach unabsichtlichem Abtauen des Kühlschranks und zweitägiger Wartezeit im Gemüsefach findet. Die Kuh vom Stiel zumindest war sättigend. Also den Rest in die Tonne gehauen und weiter… Das geht doch noch besser. In die Sonne blinzelnd, blinzelt mir am Helvetiaplatz ein Mädchen in zu engem orangenem Höschen zurück. Die effizienteste Zusammenfassung der Langstrasse. Knapp bekleidetes Personal und billiges Essen. Eine glorreiche Tradition aus den glorreichen Staaten verfolgend suche ich mein Glück in den Tiefen der Hooters der AngestelltInnen und der Speisekarte. Konzentration fällt einem da zwar schwierig, bei unzähligen Bildschirmen, mich mit Lebenswichtigem aus der Welt des Sports beballernd. Chicken Wings sind für Pingpongspieler, der ,Farmer Burger‘ muss es schon sein: Gefühlte zwei Kilo brasilianisches Rindfleisch, gebratener Speck, Spiegelei, gekringelte Kartoffelprodukte und… ah ja, Salatbeilage. Doch die ist und bleibt mir egal, Beef-Overkill ist und bleibt das Stichwort. Es duftet verführerisch, die Blondine Grösse 42, die sich fachgerecht in eine 36 gepresst hatte, fand denn auch zumindest ein aufmunterndes Lächeln als sie mir ein weniger aufmunterndes Monster von Sandwich hinknallt. Die Eishockeyjungendmannschaft des HC Niederengstligen am Nebentisch und der alte Säufer mir gegenüber tun ihr übriges, die einzigartige Stimmung zu unterstützen. ,Gring abe und seckle‘ und wenig später dichtet eine wohltuende Fettschicht meine nun nicht mehr so ungeschützte Magenwand wasserfest ab. Ich spiele mit dem Gedanken unter dem Tisch die Hose aufzuknöpfen, doch das könnte in diesem Lokal falsch gewertet werden und die Langstrasse ist doch noch so nah und überhaupt. Hier gibt‘s keinen mit Haushaltswaage und Geodreieck genormten Mutterbrustersatz wie beim clownesken Marktführer. Hier essen echte Männer, die Bulette hängt lässig über ein geröstetes Brötchen und flirtet mit nonchalant verteilten Speckstreifen. Ich bin glücklich. Bis ich wieder aufsehe. Alles wie vorher, die jungen Schlööfler sind beim dritten Bier angekommen und ich spüre, dass es Zeit wird, weiterzuziehen, zumal die Kellnerin keine Lust zeigt, mit die Regeln des College-Football zu erklären, ohne die der Anblick der Flachbildschirme so spannend ist wie der meiner Waschmaschine. 

    Mein Bauch wölbt sich zufrieden über den Hosenbund und ich rolle mich auch nur kurz über die Strasse, bevor ich in‘s neu eröffnete ,Subway‘ stolpere. Stille. In einer Ecke des Lokals kann man dem Personal bei den Endrunden ihrer vermutlich schon tagelang andauernden Jasspartie zusehen. Ungehindert inspiziere ich die Auswahl an Brotsorten, Fleischbelägen und allerhand Vitaminen in Gemüseform, die sich mir anbieten. Eine subtiles Räuspern meinerseits und mürrische Blicke seitens der Jass-Asse. Ich entscheide mich, die Tiere ungeachtet ihrer Rassezugehörigkeit zu vertilgen und lasse mir ein fein geschnittenes Schweinchen auf meinen Vollkorn-Footlong verteilen. Salami, scharfe Salami, scharfe Peperoni, Oliven und ein bitzeli Eisbergsalat runden den herrlichen Anblick ab. Bacon, Salz, Pfeffer.. ja, bitte, extra Scheibenkäse. Die Herausforderung in meinen Händen kontemplierend verziehe ich mich an einen Tisch am Fenster. Die Zeit des reinen Hungerabbaus ist vorbei, diese Delikatesse im XXL-Format lediglich runterzuschlingen ein Verbrechen. Und so nehme ich mir Zeit, geniesse jeden einzelnen Bissen, zwangsläufig, denn mein Magen zeigt erste Anzeichen von Altermüdigkeit und verweigert zusehends übermässige Nahrungszufuhr. Auch gut, bleibt das Essen länger im Mund, rutscht mir langsam über die Geschmacksknospen und hinterlässt wohlig-warme Eindrücke. Warum diese Kette in der Schweiz noch immer so sehr hinter den beiden Burger-Magnaten hinterherhinkt bleibt mir einmal mehr schleierhaft. 

    Doch in meinen Wünschen klafft noch immer ein Loch. Bislang bestand das Ritual stehts aus Schlangestehen, von bebilderten, laminierten Kärtchen Ablesen und sich mit eigentlich unwilligem Personal Rumschlagen. Obwohl das Take-Away Prinzip in der Heidi-Mentalität eigentlich gar nicht beliebt, ufert das Angebot an Fressbuden immer mehr aus. Ich vertrete mir die Beine, geniesse die Abendsonne und die eine oder andere Verdauungszigarette, bis ich schliesslich, die Josefstrasse längst überquert, vor dem Restaurant Kornhaus wieder aus meinen Gedanken in die Realität gespült werde. So muss ein Restaurant aussehen. Von aussen wie innen. Echte Hausmannskost darf hier erwartet werden. Im Hinterhof finde ich mir ein schattiges Fleckchen und bestelle ohne die Karte zu Hilfe zu nehmen gleich mal ein deftiges Tartar. Im Sitzen auf‘s Essen zu warten ist eben doch schöner.  In Träume von rohem Fleisch versinkend, komme ich wieder zu mir, wie der Albtraum jedes Vegetariers vor mir aufgebaut wird. Dieses Tier starb nicht umsonst. Kein züngelndes Flämmchen hat diese Lenden gekostet, über die ich nun genüsslich den Calvados und nicht zu knapp Gewürze verteile. Die Eile ist vorbei, mich von Bissen zu Bissen vorarbeitend lausche ich den abendlichen Geräuschen dieses, des besten Quartiers und nehme die untergehende Sonne in mich auf. Seligkeit macht sich in mir breit, ich belohne sie mit einem abschliessenden Grappa, der Verdauung wegen, natürlich, und trolle mich von dannen. Ein herrlicher, frühsommerlichen Charme versprühender Nachmittag ist vorbei und weiss schon jetzt; das mache ich morgen gleich wieder. Nur diesmal rückwärts.