„Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.“
Öffne ich des Morgens meine Augen war ich noch ein Träumender, flatterte ich schmetterlingsgleich in höchsten Höhen. Auf dem Weg ins Bad bin ich dann ganz Schnecke, krieche behäbig unter’s Wasser, schüttle mich und verlasse frisch geweckt die Wohnung. Auf meine Runden um die Sihl wandle ich mich zur Katze, hüpfe über Steine und Pfützen, lasse Industriegebiete hinter mir und tolle über Wiesen, bevor mich der Weg wieder zurück in die Stadt führt. Die Kopfhörer tief in mir verankert lasse ich mich beinah vom pendlervollen Linienbus überrollen und erstarre kurzzeitig zur Salzsäule. Zwei Ristretto und ein hartgekochtes Ei. Wochenzeitung. Morgengeräusche. Für einen Moment trete ich aus meinem Schatten, stehe neben einem Tagträumer, trete mir in meinen Schmetterlingsarsch: Weiter!
Hoch auf den Elfenbeinturm aus Papier und Tinte. Bin ich Prinz? Bin ich Bergsteiger? Erklimme überfüllte Hörsaalhöhen, blicke von meinem Klappthron in die Massen, doch sie wenden mir alle den Rücken zu. Lediglich unzählige Bildschirme beleuchten meine Großartigkeit. Blenden mich. Sonnenbrille. Der Abstieg gelingt problemlos, die Kaffeemaschine empfängt mich wärmstens. Lautlos und unsichtbar schleiche ich, Wolf, mich aus den Einöden der Wissenschaft in den Dschungel aus Stahl und Glas und Teer.
Die Tausendfüßler der Moderne von Gestern tragen mich und tausend ganz andere, ganz ähnliche vorbei am Schlaraffenland der Mittelmäßigkeit hin zum Königreich der Anspruchslosigkeit. Im vierten Kreis der Hölle kriecht und flicht es vor der Sonne, sucht die Ecken, die Ritzen und verschwindet in der Dunkelheit. Klebt an meinen Sohlen, in meinen Ohren. Zigarettenspenden, emotionsloses Kopfschütteln, Krückenausweichen & krampfhafte Versuche, die Furchtbarkeiten des Lebens nicht eindringen zu lassen. Ich möchte noch unversehrt bleiben. Weißes Papier. Unzerbrochenes Porzellan im Revier der dreibeinigen, zahnlosen Elefanten. Weißer Wein und drahtloser Zugang zu virtuellen Reichtümern vermögen zuletzt mich zu heilen, der Barista leckt meine Wunden. ich bin stolz auf mich. Eitel und zweischneidig hab ich mich einen weiteren Tag um Abgründe geschlängelt, bin ich leicht wie ein Vogel von Ast zu Ast zu Hippstercafé gehüpft. Hab mich ein weiteres Mal in die sicheren Reservate geschützten Lebensraums gerettet.
Ich strecke meine Zunge aus, lecke die letzten Reste musikalischer Qualität aus den Weiten des Netzes, sichere es auf meiner Festplatte. Alles nur gestohlen. Alles nur geraubt. Lege Kuckuckseier während ich lächelnd meine Erfolge beweihräuchere, mir auf die Schultern klopfen lasse und dem Waldschrat gegenüber versichere wie toll seine Matte sich mit seinem Brusthaar verbinde. Drei Häuser weiter wird wieder alles anders. Eben noch potentieller Welteneroberer, schiebe ich nun Altglaskisten vorbei an Bordellen und Secondhandyshops. Verstopfte Bierleitungen und geplatzte Glühbirnen locken den Machismo in mir. Das Lächeln der Kundschaft versichert mir meiner Überlegenheit, die vierzig Rappen Trinkgeld eher weniger. Diener und Schatzmeister in einem, Henker und Knecht. So vergeht die Nacht.
Die Bühne muss ich selber installieren. Dafür darf ich dahinter stehen. Vernetzt mit hunderten Gleichgesinnten, vermeintlich. Aus den Boxen das Konzentrat meiner klingenden Seele. Wie? Nein, Guetta gibt’s nicht. Spätnachts sind alle Menschen grau. Bin ich Mücke? Bin ich Adler? Unter meinen Schwingen verteilen sich die Klänge im Raum. Doch sie verpuffen. Nun gut, ich höre. Ich genieß. Mir reicht’s.
Ein Mops kommt in die Küche und reicht mir einen Döner. Der Regen veredelt ihn. Ganz Straße, ganz Luft, ganz Regenwolke bin ich eins. Zumindest die ersten zehn Minuten, die ich auf die Straßenbahn warte. Eisige Gedanken und erstarrte Mine erwarten mich schließlich im Spiegel meines Flurs. Wer ist das?
Tee und Speck richten alles. Auf dem Bildschirm erscheint eine Nachricht. Man erbittet Worte, es sei dringend. Das Textverarbeitungsprogramm reagiert prompt und stürzt ab. Ich blicke ihm ohne Wehmut hinterher. Doch der Obsthändler hat vorgesorgt, mein luftiges Äpfelchen erholt sich im nu und bietet mir seitenweisse Leere.
Mein müde suchender Blick fällt auf die Worte der Ferne. Ferner Welten, ferner Zeiten. Bin ich Schmetterling, bin ich Mensch? In mir wird es leicht, löst sich, wandelt sich.
Dschuang Dschou, ich kenne dich.
Dschouang Dschou, lass uns gemeinsam fliegen, träumen.
Der nächste Morgen kommt früh genug.
Und wir verwandeln uns wieder.