Seit direkt vor meiner Haustür der erste von deutschem Gaumen abgesegnete Currywurst Anbieter seinen Grill anwarf wartete ich auf meine Gelegenheit. Mit Loch in der Magengegend, ungezügeltem Appetit und unerfüllbaren Erwartungen stiefelte ich ins Körry und bestellte mir ,ne Scharfe‘. Beziehungsweise wollte ich, denn Personal war Mangelware und kam erst nach einer gefühlten dreifachen Zigarrenpause hinter die Theke geschlurft, um mir dann nach allerlei rituellem Trala eine Wurst auf den Karton zu schmieren, die sich in Fett suhlte wie ,The Hoff‘ im Likör. Darm? Fehlanzeige. Angeblich ja die gleiche wie beim unübertrefflichen Curry36 am Mehringdamm, doch da lächelt das verwöhnte germanische Herz nur müde. Nach Pommes zu fragen traue ich mich dann auch schon gar nicht mehr und stapfe stattdessen mit tropfenden Fingern, ungeprüften Schmerzrezeptoren und noch immer vorhandener Sehnsucht nach fachgerecht zusammengepressten Fleischereiabfällen von dannen. Nur Häuser weiter finde ich mich beim bislang noch immer befriedigenden Türken wieder und hol mir ein ,mit Alles und scharf‘. Und weil ich Klasse hab in der modernen Dönerbox. Kartoffeln in Stäbchenform, matschiges Gemüse, schön geschnippeltes Rind drüber und dann, wohl weil mein Freund mit Immigrationshintergrund sich sorgt, dass ich mich am trockenen Inhalt verschlucke, mal noch kräftig Sauce drüber. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen und schon bald läuft es mir auch sonst überall hin, denn an den flüssigkeitsabweisenden Eigenschaften von Karton wurde scheinbar schon lange nicht mehr geforscht. Viel weiter als bis zum Fleisch komm ich denn auch nicht; was sich danach noch in den Tiefen der Box verbirgt erinnert eher an das, was sich nach unabsichtlichem Abtauen des Kühlschranks und zweitägiger Wartezeit im Gemüsefach findet. Die Kuh vom Stiel zumindest war sättigend. Also den Rest in die Tonne gehauen und weiter… Das geht doch noch besser. In die Sonne blinzelnd, blinzelt mir am Helvetiaplatz ein Mädchen in zu engem orangenem Höschen zurück. Die effizienteste Zusammenfassung der Langstrasse. Knapp bekleidetes Personal und billiges Essen. Eine glorreiche Tradition aus den glorreichen Staaten verfolgend suche ich mein Glück in den Tiefen der Hooters der AngestelltInnen und der Speisekarte. Konzentration fällt einem da zwar schwierig, bei unzähligen Bildschirmen, mich mit Lebenswichtigem aus der Welt des Sports beballernd. Chicken Wings sind für Pingpongspieler, der ,Farmer Burger‘ muss es schon sein: Gefühlte zwei Kilo brasilianisches Rindfleisch, gebratener Speck, Spiegelei, gekringelte Kartoffelprodukte und… ah ja, Salatbeilage. Doch die ist und bleibt mir egal, Beef-Overkill ist und bleibt das Stichwort. Es duftet verführerisch, die Blondine Grösse 42, die sich fachgerecht in eine 36 gepresst hatte, fand denn auch zumindest ein aufmunterndes Lächeln als sie mir ein weniger aufmunterndes Monster von Sandwich hinknallt. Die Eishockeyjungendmannschaft des HC Niederengstligen am Nebentisch und der alte Säufer mir gegenüber tun ihr übriges, die einzigartige Stimmung zu unterstützen. ,Gring abe und seckle‘ und wenig später dichtet eine wohltuende Fettschicht meine nun nicht mehr so ungeschützte Magenwand wasserfest ab. Ich spiele mit dem Gedanken unter dem Tisch die Hose aufzuknöpfen, doch das könnte in diesem Lokal falsch gewertet werden und die Langstrasse ist doch noch so nah und überhaupt. Hier gibt‘s keinen mit Haushaltswaage und Geodreieck genormten Mutterbrustersatz wie beim clownesken Marktführer. Hier essen echte Männer, die Bulette hängt lässig über ein geröstetes Brötchen und flirtet mit nonchalant verteilten Speckstreifen. Ich bin glücklich. Bis ich wieder aufsehe. Alles wie vorher, die jungen Schlööfler sind beim dritten Bier angekommen und ich spüre, dass es Zeit wird, weiterzuziehen, zumal die Kellnerin keine Lust zeigt, mit die Regeln des College-Football zu erklären, ohne die der Anblick der Flachbildschirme so spannend ist wie der meiner Waschmaschine.
Mein Bauch wölbt sich zufrieden über den Hosenbund und ich rolle mich auch nur kurz über die Strasse, bevor ich in‘s neu eröffnete ,Subway‘ stolpere. Stille. In einer Ecke des Lokals kann man dem Personal bei den Endrunden ihrer vermutlich schon tagelang andauernden Jasspartie zusehen. Ungehindert inspiziere ich die Auswahl an Brotsorten, Fleischbelägen und allerhand Vitaminen in Gemüseform, die sich mir anbieten. Eine subtiles Räuspern meinerseits und mürrische Blicke seitens der Jass-Asse. Ich entscheide mich, die Tiere ungeachtet ihrer Rassezugehörigkeit zu vertilgen und lasse mir ein fein geschnittenes Schweinchen auf meinen Vollkorn-Footlong verteilen. Salami, scharfe Salami, scharfe Peperoni, Oliven und ein bitzeli Eisbergsalat runden den herrlichen Anblick ab. Bacon, Salz, Pfeffer.. ja, bitte, extra Scheibenkäse. Die Herausforderung in meinen Händen kontemplierend verziehe ich mich an einen Tisch am Fenster. Die Zeit des reinen Hungerabbaus ist vorbei, diese Delikatesse im XXL-Format lediglich runterzuschlingen ein Verbrechen. Und so nehme ich mir Zeit, geniesse jeden einzelnen Bissen, zwangsläufig, denn mein Magen zeigt erste Anzeichen von Altermüdigkeit und verweigert zusehends übermässige Nahrungszufuhr. Auch gut, bleibt das Essen länger im Mund, rutscht mir langsam über die Geschmacksknospen und hinterlässt wohlig-warme Eindrücke. Warum diese Kette in der Schweiz noch immer so sehr hinter den beiden Burger-Magnaten hinterherhinkt bleibt mir einmal mehr schleierhaft.
Doch in meinen Wünschen klafft noch immer ein Loch. Bislang bestand das Ritual stehts aus Schlangestehen, von bebilderten, laminierten Kärtchen Ablesen und sich mit eigentlich unwilligem Personal Rumschlagen. Obwohl das Take-Away Prinzip in der Heidi-Mentalität eigentlich gar nicht beliebt, ufert das Angebot an Fressbuden immer mehr aus. Ich vertrete mir die Beine, geniesse die Abendsonne und die eine oder andere Verdauungszigarette, bis ich schliesslich, die Josefstrasse längst überquert, vor dem Restaurant Kornhaus wieder aus meinen Gedanken in die Realität gespült werde. So muss ein Restaurant aussehen. Von aussen wie innen. Echte Hausmannskost darf hier erwartet werden. Im Hinterhof finde ich mir ein schattiges Fleckchen und bestelle ohne die Karte zu Hilfe zu nehmen gleich mal ein deftiges Tartar. Im Sitzen auf‘s Essen zu warten ist eben doch schöner. In Träume von rohem Fleisch versinkend, komme ich wieder zu mir, wie der Albtraum jedes Vegetariers vor mir aufgebaut wird. Dieses Tier starb nicht umsonst. Kein züngelndes Flämmchen hat diese Lenden gekostet, über die ich nun genüsslich den Calvados und nicht zu knapp Gewürze verteile. Die Eile ist vorbei, mich von Bissen zu Bissen vorarbeitend lausche ich den abendlichen Geräuschen dieses, des besten Quartiers und nehme die untergehende Sonne in mich auf. Seligkeit macht sich in mir breit, ich belohne sie mit einem abschliessenden Grappa, der Verdauung wegen, natürlich, und trolle mich von dannen. Ein herrlicher, frühsommerlichen Charme versprühender Nachmittag ist vorbei und weiss schon jetzt; das mache ich morgen gleich wieder. Nur diesmal rückwärts.